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Ein Standpunkt zur Ukraine

Statement
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Ein Kommentar von BLHV-Pressesprecher Padraig Elsner

Der Angriffskrieg auf die Ukraine hat Europa in einen Schock versetzt, aus dem wir nur sehr langsam erwachen. Doch nicht nur Diplomaten und Politiker können sich derzeit keine ruhige Minute erlauben, denn die sogenannte Zeitenwende duldet keinen Aufschub mehr. Auch in der Landwirtschaft. Noch nie zuvor habe ich erlebt, dass so viele Blogger:innen, Wissenschaftler:innen, Politiker:innen und Verbände in kürzester Zeit teilweise hochspannende Vorschläge zur Bewältigung der globalen Ernährungskrise präsentierten, die auf uns zurollt. Besonders viel Aufmerksamkeit erhält derzeit die Diskussion um die Stilllegungsflächen, für die ab dem Jahr 2023 ein absolutes Bewirtschaftungsverbot gelten soll. Auf Grundlage verschiedener Veröffentlichungen habe ich versucht, die Wirkung dieser Maßnahme in Zusammenhang mit der Ukraine-Krise einzuordnen.

Vorab muss deutlich gesagt werden, dass der Krieg die Ernährungssicherheit in Deutschland und Europa nicht bedroht. Steigende Lebensmittelpreise sind für den Verbraucher schmerzhaft, schlussendlich aber immer bezahlbar, sei es durch den Verzicht auf nicht lebensnotwendige Ausgaben oder auch durch staatliche Hilfe. Anders sieht es in Ländern wie zum Beispiel Ägypten oder Indonesien aus, die von russischen und ukrainischen Getreideimporten abhängig sind und in denen die Menschen 30 bis sogar 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben.

Noch ist nicht klar, wie groß die Ernteausfälle in der Ukraine tatsächlich ausfallen werden. Optimistische Schätzungen gehen derzeit davon aus, dass der Getreideexport aus der Ukraine um ein Drittel unter das Vorjahresniveau fallen könnte, bei Mais und anderen Sommerkulturen sogar um zwei Drittel. Klar ist jedoch, dass mit jedem weiteren Kriegstag die Prognosen nach unten korrigiert werden müssten. Neben der Ernte spielt auch die Logistik eine entscheidende Rolle: Selbst wenn die Ernte besser ausfällt als erwartet, ist noch nicht klar, ob die ukrainische Infrastruktur überhaupt in der Lage sein wird, Getreide zu transportieren oder zu verschiffen.

So ungewiss der Blick in die Zukunft auch ist, es gibt keinen Zweifel, dass jetzt gehandelt werden muss. Leider ist man sich über das „Wie“ nicht annährend so einig wie über das „Ob“. Besonders deutlich wird das in der Diskussion um die Stilllegungsflächen, die die neue GAP vorschreibt. Diese künftig oder besser gesagt krisenbedingt doch für die Erzeugung von Lebensmitteln zu nutzen, lehnt das Bundeslandwirtschaftsministerium vehement ab. Mit guten Argumenten und Unterstützung aus der Wissenschaft, darunter auch Agrarwissenschaftler Prof. Friedhelm Taube, Direktor des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung an der Universität Kiel.

In seiner ersten Ernteschätzung berechnete der Deutsche Raiffeisenverband (DRV), dass die vorgesehene Flächenstilllegung im nächsten Jahr knapp 500.000 Hektar betreffen würde, auf denen laut DRV rund 3,5 Millionen Tonnen Getreide geerntet werden könnten. Wohlgemerkt: das betrifft die Ernte 2023. Wir müssen jedoch schon in diesem Jahr mit Ernteausfällen in der Ukraine rechnen. Agrarökonom Prof. Stephan von Cramon-Taubadel meint, dass die Ukraine 2022 mindestens 35 Millionen Tonnen Getreide weniger exportieren wird als noch im Vorjahr. Dieses Zahlenspiel kann keine Aussage darüber treffen, ob die Stilllegungsflächen in Deutschland die Ernteverluste in der Ukraine in irgendeinem Verhältnis kompensieren könnten, weil sie sich auf zwei verschiedene Erntejahre beziehen. Man kann jedoch erkennen, welche Größenordnungen in dieser Debatte aufgeführt werden.

Aktuell geht es vor allem um den Getreidepreis, der wiederum am Weltmarkt bestimmt wird. Hier spielen die globalen Getreideexporte eine entscheidende Rolle: Je geringer das globale Angebot an Getreide, desto höher der Preis. Wenn wie angenommen die Ukraine 35 Millionen Tonnen weniger Getreide exportieren würde, dann wären das nur 7,6 Prozent der erwarteten weltweiten Getreideexporte. Andere Märkte vertragen solche Angebotsschwankungen, nicht jedoch der Getreidemarkt. Er gilt, ökonomisch beschrieben, als unelastisch: Kleine Angebotsschwankungen lösen große Preiseschwankungen aus.  Getreide ist ein Grundnahrungsmittel, auf das kein Land dieser Welt verzichten kann. Sobald sich hier eine Verknappung auch nur andeutet, reagieren die Käufer sehr nervös und der Preis steigt. Und das trifft vor allem ärmere Länder.

Wenn man die Stilllegungsflächen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine und die daraus entstehenden Hungersnöte vergleicht, dann muss vor allem der Effekt auf den Weltgetreidepreis betrachtet werden. Laut einer aktuellen Studie der Heinrich Böll Stiftung hätte eine Reduktion der Stilllegungsfläche in der gesamten EU nur einen geringen Effekt auf den Weltmarktpreis und könnte die negativen Auswirkungen des Krieges daher nicht spürbar kompensieren. Die Reaktivierung von Bracheflächen würde die akut drohende Hungersnot nicht verhindern, denn alleine reicht diese Maßnahme nicht aus, damit Getreide auch in ärmeren Ländern bezahlbar wird.

Globale Krisen müssen global gelöst werden. Darum haben sich die Agrarminister der G7-Staaten als allererstes darauf geeinigt, dass die Märkte offenbleiben müssen. Wenn nämlich weitere Länder den Getreideexport stoppen oder zusätzliche Lagerbestände aufbauen, würde sich die Situation deutlich verschärfen. Ebenso könnte sich der Getreidepreis erholen, wenn andere Länder mit guten Vorräten, wie zum Beispiel Australien, mehr Getreide in den Markt geben würden.

Nichtsdestotrotz muss in Europa seine Ernährungssicherheit neu gedacht werden, denn auch hier werden steigende Lebensmittelpreise zu Verwerfungen führen. Und auch wenn die 4 Prozent Stilllegungsflächen keinen nennenswerten Einfluss auf den Weltpreis haben, werfen sie dennoch die Frage auf: Können wir es uns leisten, auf 500.000 Hektar Ackerland nichts zu machen?

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