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Schwere Steine aus dem Rucksack nehmen

Christoph Weiß
Multimedia Erfahrung
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Landwirt Christoph Rothhaupt lebt in Unterfranken. Als sein Vater stirbt, bleibt keine Zeit für Trauer. Er übernimmt den elterlichen Milchviehbetrieb und rackert über Jahre bis zur Depression und völligen Verzweiflung. Er bricht zusammen, kann und will nicht mehr. Endlich holt er sich Hilfe.

„Reden bringt ganz arg viel. Es schafft Erleichterung“, betont Christoph Rothhaupt. Es sei, wie schwere Steine aus einem Rucksack zu nehmen. Er will anderen Menschen Mut machen: „Mir ist es wichtig, dass Leute früher Anzeichen erkennen und nicht einfach so weitermachen wie ich und in ein tiefes Loch fallen“, unterstreicht der 40-Jährige und sagt ganz offen: „Ich wäre nicht mehr hier, wenn mir keiner geholfen hätte.“

Anderen Mut machen

Darum erzählt er seine Geschichte und geht damit an die Öffentlichkeit – wer sich informieren möchte, findet im Internet Fernsehbeiträge über seinen Weg. Außerdem war er Interviewpartner im Podcast „Boden & Leben“ mit dem Titel „Depression, Burnout, Suizid in der Landwirtschaft“. Dort berichtet er im Gespräch mit Landwirtskollege Michael Reber, wie es war, als sein Vater vor neun Jahren starb und ihm den Ackerbau und Milchviehbetrieb mit 75 Kühen hinterließ. Schon drei Tage nach der Beerdigung baut der damals 31-Jährige den dringend benötigten neuen Melkroboter im Stall ein. Zeit für Trauer bleibt da nicht. Er muss funktionieren, der Betrieb – von Großvater und Vater aufgebaut – muss laufen, schließlich hängt ja auch seine Familie dran. Einige Zeit scheint das gutzugehen, doch dann folgt ein Durchhänger, Leerlauf, er schläft schlecht, „der Kopf denkt nur noch, was ist morgen“.

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Düstere Gedanken quälen

Ein Urlaub in Schweden bringt Erholung, es läuft wieder bis 2018. Dann bekommt er bei der Arbeit Angstzustände, düstere Gedanken quälen ihn, Selbstzweifel. Er rutscht in eine Depression, baut körperlich ab. Sein ganzer Selbstwert hängt damals am Betrieb. Alles soll möglichst perfekt laufen, doch dann gibt es im Stall eine Euterentzündungswelle, in die er sich hineinsteigert. Schließlich läuft es wieder – bis zu dem Tag, als er erneut im Milchfilter Flocken entdeckt. Er bricht zusammen. „Ich wollte nicht mehr.“

Rückblickend sagt er, dass er nur wegen seines Erstgeborenen durchgehalten hat. Seiner Frau blieb der Zustand ihres Mannes nicht verborgen, doch er wollte sie nicht ins Vertrauen ziehen, blockte Nachfragen ab, denn: „Sie hat das Kind daheim gehabt, ich wollte sie nicht noch mehr belasten mit meinen Problemen“, erinnert er sich. Letztlich hat sie ihn gerettet: Schon Wochen vor seinem Zusammenbruch hatte sie ihm eine Karte mit der Telefonnummer einer ländlichen Familienberatung hingelegt. Zum Glück.

Druck ablassen bei der Beratungsstelle

Denn Christoph Rothhaupt ist völlig am Boden. Trotzdem: Er nimmt seine letzte Kraft zusammen, sucht die Karte raus und ruft dort an. Am nächsten Tag folgt ein Gespräch in der Beratungsstelle. Er kann, wie er heute sagt, seine „Riesenlast“ abladen: „Das Gespräch war einfach so befreiend!“ Der Grunddruck ist damit raus, das Verständnis der Beraterin groß. Es sind die ersten Schritte heraus aus der Abwärtsspirale. Im Laufe der Aussprache fällt eine entscheidende Frage, über die der Landwirt erst daheim so richtig nachdenken kann: „Geht’s denn auch ohne Kühe?“

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Die härteste Entscheidung seines Lebens

Es folgt die härteste Entscheidung seines Lebens: Er beschließt tatsächlich, die Herde an einen Interessenten zu verkaufen – ein neues Konzept für den Betrieb gibt ihm Hoffnung.  Der Abschied von den Kühen hat ihm „saumäßig wehgetan“, und doch wusste er damals, in seiner Situation war es für ihn persönlich genau das Richtige.  Und richtig war es auch, zum Hausarzt zu gehen. Er bekam Medikamente gegen seine Depression.  Christoph Rothhaupt erklärt das so: „Sie sind eine Brücke, damit man wieder handeln kann.“

Der Heilungsprozess mit Gesprächstherapie

Als die Kühe weg waren, hat er ein halbes Jahr Zeit für sich. Jetzt kann er sich mit sich selber befassen, wieder zu sich finden. Es beginnt ein Heilungsprozess, auch dank einer Gesprächstherapie – sie tut einfach gut, wie er sagt. Und er kapiert, dass er von klein auf gelernt hat, immer nur Leistung zu bringen. Diesen Fehler in der Erziehung will er bei seinen beiden Kindern nicht wiederholen.

privatChristoph Rothhaupt
Der Abschied von den Milchkühen war für Christoph sehr hart.

Verantwortung neu verteilen

Mittlerweile arbeitet er halbtags im Agrarhandel. Und aus dem Vollerwerbshof mit 75 Milchkühen und 110 Hektar Fläche wurde ein Nebenerwerbsbetrieb mit 85 Hektar Ackerbau und Gemüseanbau, voll ökologisch bewirtschaftet.  Die Verantwortung ruht jetzt auf mehreren Schultern, denn eine Freundin und ein Freund, ebenfalls aus der Landwirtschaft, sind nun mit ihm im Boot der gemeinsam gegründeten GbR Löwenhain in dem kleinen Dorf Lebenhan. Vermarktet wird über den eigenen Hofladen mit Selbstbedienung, den Christoph Rothhaupts Frau Marina regelmäßig befüllt. Und auch auf einem Regionalmarkt sind sie mit ihren Produkten dabei.

Offen für neue Wege

Christoph Rothhaupt ist froh, dass er lebt. Und er geht, wie er sagt, gern neue Wege, auch dabei zeigt er Offenheit: Das Gemüse auf dem Hof bauen die drei in Mulch an. Das hat bundesweit eher Seltenheitswert.  Doch für sie ist es eine wunderbare Möglichkeit, im trockenen Unterfranken weniger bewässern zu müssen. Zudem schützt der Mulch bei Starkregen den feinkrümeligen Boden vor Verschlämmung und verbessert die Wasseraufnahme. Außerdem gehören Hühner und Salers-Rinder zum Hof.

Christoph WeißChristoph Rothhaupt
Das Salers-Rind ist eine der ältesten Rinderrassen und stammt aus Frankreich. Einige Tiere gehören nun auch zum Hof Löwenhain.

Gedankenkarussell stoppen

Keine Frage, auch der umstrukturierte Betrieb bietet manche Herausforderung. Dazu zählt auch, dass vergangenen November der Selbstbedienungs-Hofladen geplündert wurde und nun per Videokamera überwacht wird. Auch wenn es über Wochen nicht regnet, wachsen die Sorgen. Doch Christoph Rothhaupt hat dank seiner Therapie gelernt, was er tun kann, damit das Gedankenkarussell nicht wieder loslegt und Probleme nicht zu Weltuntergangsszenarien anwachsen.

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Kommentare 2

  1. Man kann nicht immer stark sein und weitermachen. Manchmal muss man aufgeben und Hilfe annehmen, damit etwas Neues entsteht. Es macht Mut zu lesen, wie das gelingen kann!

    Maria
  2. Ich habe gerade den 37°- Beitrag über Burnout auf dem Bauernhof geschaut. Sehenswert! Man hat als Außenstehender ja keine Ahnung! Respekt vor Landwirt Christoph und seiner Frau, wie sie das alles meistern. Sein Vater muss stolz auf sie sein.
    Ich versuche, die regionale Biolandwirtschaft zu unterstützen, war seit Dez 2021 in keinem Lebensmittelladen mehr, sondern beziehe seither nahezu alle Nahrungsmittel von einem lokalen Biohof mit Lieferdienst. Unseren Landwirten alles Gute für die Zukunft und vielen Dank für Ihren Einsatz!!!! Sie sind unentbehrlich!

    Christine Noll

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