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„Wir sitzen alle im selben Boot“

Thomas Güntert
Fachbeitrag
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Letzte Woche haben sich Vertreter des  BLHV-Kreisverbands Konstanz und des Schaffhauser Bauernverbands in Tengen-Uttenhofen getroffen. Auf dem Lauterbachhof unterhielten sich die Nachbarn aus Deutschland und der Schweiz über die Grenzsituation, die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine und die Zukunft der Landwirtschaft.

Schon lange engagiert

Man traf sich auf dem Betrieb des Konstanzer BLHV-Kreisvorsitzenden Stefan Leichenauer. Neben seinem Stellvertreter Alexander Schlenker war eine Dreier-Delegation aus der Schweiz angereist: Der Schaffhauser Bauernverbandspräsident Christoph Graf, seine Stellvertreterin Jessica Bolli und die Geschäftsführerin Virginia Stoll.

Stefan Leichenauer ist selbst Landwirt: Er führt in Tengen-Uttenhofen einen 135 Hektar großen Ackerbaubetrieb. Aber auch Christoph Graf kommt aus der Praxis. In Ramsen betreibt er einen 35 Hektar großen Milchvieh- und Ackerbaubetrieb mit etwa 30 Kühen plus Nachzucht. Seit 18 Jahren ist Stefan Leichenauer schon Mitglied im BLHV-Kreisvorstand Konstanz und auch Christoph Graf ist schon seit 13 Jahren Schaffhauser Bauernpräsident. Trotzdem war es das erste Treffen in dieser Form, seit beide in ihren Ämtern sind. „Bisher war man lediglich gegenseitig zur Hauptversammlung des Bauernverbandes eingeladen“, sagte Christoph Graf.

Thomas Güntert
Alexander Schlenker, Stefan Leichenauer, Christoph Graf, Virginia Stoll und Jessica Bolli trafen sich auf dem Lauterbachhof.

Die Schwierigkeiten der „Grenzbauern“

Die geografische Situation des Ackerbaukantons Schaffhausen ist speziell. Von der 185 Kilometer langen Kantonsgrenze sind über 150 Kilometer Landesgrenze. Fast 20 % der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche der Schaffhauser Bauern liegt in Deutschland.

„Die Schweizer bezahlen bei uns in Deutschland fast die doppelte Pacht, und für uns gibt es weder Vorpacht- noch Vorkaufsrecht.“

Stefan Leichenauer Landwirt und BLHV-Kreisvorsitzender Konstanz

Schweizer Bauern dürfen in Deutschland erzeugte Produkte aus einem zehn Kilometer breiten Grenzkorridor zollfrei in die Schweiz einführen und können für sogenannte „angestammte Flächen“, die sie seit 1984 ununterbrochen bewirtschaften, Schweizer Direktzahlungen beantragen. Für andere in Deutschland bewirtschaftete Flächen können sie EU-Prämien beantragen. Zudem bekommen die Schweizer Bauern für manche Produkte – wie beispielsweise den Weizen – einen rund doppelt so hohen Preis wie ihre deutschen Berufskollegen.

Christoph Graf gab zu bedenken, dass die Produktionskosten in der Schweiz deutlich höher sind. Im Kanton Schaffhausen bewirtschaftet ein durchschnittlicher Ackerbaubetrieb rund 35 Hektar und muss aus dem Land etwa die gleiche Wertschöpfung wie ein vergleichbarer 80 Hektar Betrieb in Deutschland erzielen. In der Schweiz gilt in der Landwirtschaft ein monatlicher Grundlohn von 3.400 Franken, was einem Stundenlohn von knapp 15 Franken entspricht.

Zur Ukraine

„Der Ukraine-Krieg wird uns mehr treffen als wir glauben. Für einen Doppelzentner Kalkammonsalpeter habe ich im vergangenen Jahr 17 Euro gezahlt. Heute liegt der Tagespreis bei 66 Euro.“

Stefan Leichenauer Landwirt und BLHV-Kreisvorsitzender Konstanz

Christoph Graf berichtete, dass sich der Preis für Harnstoff in der Schweiz verdreifacht hat. Ökologisierung und Energiebeschaffung sind in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus der Landwirtschaft gerückt. Die Nahrungsmittelproduktion werde durch den Ukraine-Krieg einen neuen Stellenwert bekommen. Der Selbstversorgungsgrad bei Nahrungsmitteln liegt in Deutschland bei knapp  90 % und in der Schweiz bei rund 53 %.

Steigende Flächenkonkurrenz

Den Rückgang der Flächen für die Nahrungsmittelerzeugung im deutschen Grenzgebiet nur auf die Schweizer Landnahme zu schieben, wäre zu einfach. In Deutschland fallen unter anderem auch Flächen weg, auf denen Mais für Biogasanlagen angebaut wird. Allein im Landkreis Konstanz gibt es über 40 Biogasanlagen. In der Schweiz werden diese nicht subventioniert und dürfen nur mit Rüst- und Müllereiabfällen, Mist und Gülle betrieben werden.

Stefan Leichenauer berichtete, dass ein deutscher Bauer voraussichtlich ab 2023 vier Prozent seiner Fläche brach liegen lassen muss, wenn er die EU-Grundprämie von knapp 200 Euro pro Hektar erhalten will. In der Schweiz ist es ähnlich: Virginia Stoll erzählte, dass sie vergangene Woche erst darüber diskutiert hatten, wo noch mehr Steinhaufen und Altgrasstreifen möglich seien, die zwar Beiträge auslösen, aber noch mehr unproduktive Fläche generieren. Mit Blickrichtung Ukraine und Russland könne man das alles vielleicht bald wieder über den Haufen werfen, sagte die Schaffhauser Verbandsgeschäftsführerin.

Gemeinsames Fazit

Zum Schluss der Zusammenkunft zogen beide Delegationen das Fazit, dass in der Landwirtschaft beiderseits der Landesgrenze ein Umdenken stattfinden wird. Christoph Graf bemerkte, dass den Bauern in der Vergangenheit für alles Mögliche die Schuld gegeben und vergessen wurde, dass die Nachkriegsgeneration noch Hunger leiden musste.

Christoph Graf

„Wir sind in Schaffhausen auf dem Fronwagplatz gestanden, und als wir gesagt haben, dass wieder einmal andere Zeiten kommen, wurden wir ausgelacht. Es wird künftig vielleicht nicht mehr mit dem Finger auf uns gezeigt, wenn wir mit dem Güllefass oder dem Düngerstreuer unterwegs sind.“

Christoph Graf Präsident des Schaffhauser Bauernverbands

Stefan Leichenauer ist überzeugt, dass die guten Betriebe mit einem stimmigen Konzept auch eine Zukunft haben. Egal, ob Klein- oder Großbetrieb, konventionell oder biologisch. Christoph Graf betonte, dass es sich beidseits der Grenzen herauskristallisieren werde, wer „gut schafft“.

Jessica Bolli

„Bei allem braucht es aber auch viel Leidenschaft und Dankbarkeit für das, was man hat. Man darf nicht immer nach noch mehr streben.“

Jessica Bolli Landwirtin und stellvertretende Präsidentin des Schaffhauser Bauernverbands

Künftig wollen sich die beiden Delegationen regelmäßig treffen. Dabei soll auch der Austausch unter den Landfrauen gefördert werden. Nach der abschließenden Hofbesichtigung waren sich alle einig: „Wir sitzen im selben Boot.“

Stefan Leichenauer mit seiner Familie auf dem Lauterbachhof.

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