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Tierische Helfer im Weinberg

Hubert Gemmert
Video Fachbeitrag
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Wer im Herbst nach der Weinlese durch die Rebberge geht, sieht immer öfter Schafe zwischen den Reben herumspazieren. Ein ungewohntes Bild, das viele Menschen stehen bleiben lässt. Gerade in Ebringen bei Freiburg kann man es lange besichtigen, denn hier werden fast alle Rebflächen von den Schafen eines regional ansässigen Schäfers beweidet. Auch in den Reben des ökologischen Weinguts von Thomas Selinger in Merdingen und auf den Versuchsflächen des Staatlichen Weinbauinstituts Freiburg sind die wolligen Vierbeiner regelmäßig anzutreffen.

Hubert Gemmert
Suchbild: Auf diesem Bild versteckt sich großes ökologisches Potenzial…
Hubert Gemmert
… in Plüschoptik.

Gute Zusammenarbeit in Ebringen

Andreas Engelmann ist Leiter des Weinguts „Schlossgut“ in Ebringen und koordiniert unter anderem den Einsatz der Schafe bei rund 40 Winzern im Ort. Im Jahr 2019 entstand die Zusammenarbeit mit einem befreundeten Schäfer und immer mehr Winzer schlossen sich an – von September bis Dezember letzten Jahres waren die Schafe dann fast flächendeckend im Einsatz.

„Die Aktion kommt bei den Winzern sehr gut an, fast alle wollen mitmachen. Allerdings ist eine Sommerbeweidung, die ja theoretisch auch möglich wäre, bei der hohen Anzahl der Beteiligten und den verschiedenen Vorgehensweisen nicht koordinierbar.“

Andreas Engelmann Leiter des Schlossguts Ebringen

Der Vorteil für den Schäfer ist dabei, dass große Flächen abgesteckt werden können und sich damit der Aufwand bei der Umzäunung und der Wanderung zu anderen Flächen für ihn reduziert. Außerdem sind die Schafe dadurch für drei bis vier Monate mit Nahrung voll versorgt. Die Winzer profitieren vom geringeren Maschineneinsatz, da die Schafe das Mulchen größtenteils übernehmen. Durch ihre Ausscheidungen düngen sie zudem den Boden auf natürliche Weise und fördern das Bodenleben.

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Der Merdinger Mähdienst

Christoph Selingers rund 30 Angestellte sind auf vier Beinen unterwegs: Im Nebenerwerb betreibt er das Unternehmen „Mähdienst“ in Merdingen. Seit fünf Jahren setzt er seine Schafe in den Reben der Familie, die ein Demeter-Weingut besitzt, zur Pflege ein. Es gibt keine Einschränkungen für den Einsatz der ökologischen Rasenmäher. Dies ist in den Demeter-Betrieben vom Verband sogar sehr gewünscht. Zurzeit hat Christoph Selinger noch freie Kapazitäten für weitere Aufträge und er plant eine Vergrößerung der Herde, denn umweltschonender als der Einsatz von Maschinen sind die Schafe garantiert.

„Wir setzen die Tiere in der Rebpflege sowie in der Böschungs- und Obstanlagenpflege ein. Begonnen hat alles vor rund 15 Jahren, als wir die Schafzucht als Hobby mit fünf Tieren für die eigenen Flächen begonnen hatten. Heute haben wir rund 30 Schafe, mit denen wir unsere eigenen Flächen und Freiflächen, die uns von Bekannten zur Verfügung gestellt werden, beweiden.“

Christoph Selinger Landwirt und Schäfer im Nebenerwerb
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Die wissenschaftliche Basis

In den letzten rund 15 Jahren ist die Tradition der Schafe im Rebberg, die in den 60er-Jahren gängige Praxis war, wieder im Kommen. 2019 startete das Weinbauinstitut Freiburg in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg und dem Bereich Geobotanik der Universität Freiburg das Projekt W3: „Win-Win im Weinberg“. In diesem Projekt wird wissenschaftlich der Nutzen der Schafe im Weinbau analysiert. In der Zeit zwischen Ende der Weinlese und Beginn des Ausschnitts der verholzten Triebe können die Tiere ohne Risiko in den Reben eingesetzt werden. Sie fressen den Wuchs zwischen den Rebzeilen und im Unterstockbereich ab, was dem Winzer einiges an Mulcharbeit einspart. Auch eine Sommerbeweidung ist möglich, hierbei müssen allerdings die Reben höher gebogen und geführt werden oder man schützt den Wuchs durch eine elektrische Litze, die sich als erfolgreich herausgestellt hat. Außerdem muss bei der Schafwahl darauf geachtet werden, dass die Tiere nicht höher als einen Meter kommen. Dies ist bei den Rassen Quessant, Shropshire und Southdown sichergestellt. Bei der Winterbeweidung können alle Rassen eingesetzt werden.

Hubert Gemmert
Die flauschigen Helfer sind gründlich und sparen Maschinen- und Arbeitseinsatz beim Mulchen.

Durch die Harn- und Dungausscheidung der Schafe wird der Boden natürlich gedüngt und damit das Bodenleben aktiviert. Außerdem wird er nicht durch schwere Maschinen verdichtet, sondert bleibt locker, nimmt damit das Wasser besser auf und speichert es. Nachweislich wird im Gegensatz zu maschinell gepflegten Reben in beweideten Flächen auch eine größere Anzahl an Insekten festgestellt. Bei Flächen, die vom Winzer gemulcht werden, wird die komplette Vegetation abgeschnitten. Bei beweideten Flächen bleiben einzelne Halmgruppen stehen und bieten damit gute Bedingungen für Insekten, um ihre Eier abzulegen oder zu überwintern. Da die Schafe außer in den Reben auch zur Böschungspflege und auf Obstwiesen eingesetzt werden, entsteht ein Austausch von Samen und Insekten, was der Biodiversität zugutekommt.

Hubert Gemmert
Wahre Tausendsassa: Schafe sind gut für Wasserspeicherkapazität, Humusaufbau und Biodiversität.

Allerdings sind die Veränderungen in der Vegetation langwierig. Spürbare Veränderungen in der Flora sieht man nach etwa vier Jahren, manche auch erst später. Schneller geht es in der Fauna. Hier wurde bereits festgestellt, dass die Beweidung zu geringerer Blüte, aber nicht zu geringerer Häufigkeit von Insekten führt. Es wurde im Rahmen des Projekts beispielsweise festgestellt, dass auf beweideten Rebflächen mehr unterschiedliche Dungkäferarten anzutreffen sind. Bei einer Überprüfung wurden sogar sechs Arten gefunden, die auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten stehen. Ebenfalls wurde eine erhöhte Aktivität der Feldgrillen festgestellt.

Potenzial für den Weinbau

Schafe können zum Weinbau der Zukunft gehören: Ein großer Vorteil ist die Reduktion des Maschineneinsatzes bei Mulchen und Mähen. Ebenfalls werden der Nährstoffkreislauf geschlossen und das Bodenleben aktiviert. Bei Anpassung der Reben können bei einer Sommerbeweidung die Tiere zum Freilegen der Trauben, zur Regulierung des Begleitwuchses und zum Entfernen von unerwünschten Stammaustrieben im unteren Bereich der Rebstöcke eingesetzt werden. Ebenfalls kann eine Steigerung der Flächennutzung durch die Produkte Wolle und Schaffleisch erreicht werden. Bei den Vergleichsflächen am Jesuitenschloss konnte festgestellt werden, dass der mechanische Aufwand um rund 53 Prozent und der manuelle Aufwand um rund 26 Prozent reduziert werden konnte. Die hauptsächlichen Einsparungen sind beim Mulchen, Unterstockkreiseln, Ausputzen des Rebstocks und dem Beseitigen von Winden zu sehen.

Hubert Gemmert

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