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Selbst gemacht: Automatisch einstreuen

Christian GisyMaria Wehrle
Multimedia Fachbeitrag
2013 1

Fast geräuschlos bewegt sich das Fahrgestell von Liegebox zu Liegebox. Dazwischen ertönt ein kurzes Surren, dann rieselt eine Handvoll Stroh hinab. Ein ganz normales, wenn auch noch nicht weit verbreitetes Gerät in Milchviehställen: ein automatisches Einstreugerät. Nach einem Schriftzug oder einer markanten Farbe des Herstellers sucht man jedoch vergebens. Denn was hoch professionell daherkommt, ist tatsächlich selbst gebaut. Christian Gisy aus Ühlingen-Birkendorf im Landkreis Waldshut ist der Macher.

Christian Gisy

„Da steckt viel Arbeit und viel Schweiß drin.“

Christian Gisy Landwirt und Elektriker

Bevor Christian 2019 mit seinem Vater eine GbR gegründet hat, stand zunächst die Frage im Raum: Geht es überhaupt weiter mit dem Betrieb und wenn ja wie? Letztlich hat sich Christian dann doch für das Milchvieh entschieden. Also weg mit dem alten Anbindestall und her mit einem modernen Laufstall mit Tiefstreuboxen und automatischem Melksystem (AMS).

Maria WehrleBoxenlaufstall statt Anbindestall
Tadaaa

Aus zahlreichen Gesprächen mit anderen Landwirten wusste er schon vor Baubeginn, dass das Einstreuen zum Problem werden könnte, gerade mit einem AMS. Die Lösung für Christian: ein automatisches Einstreugerät. Aber die Systeme der gängigen Hersteller überzeugten den 25-Jährigen nicht – sie streuen zu breitflächig und zu viel ein. Natürlich sind auch die Kosten enorm. Und so entschied er selbst ein Gerät zu entwickeln. Christian ist Elektriker und hat auf der Abendschule die Ausbildung zum Landwirt gemacht. Die besten Voraussetzungen also für einen Tüftler. Ein Freund half ihm beim Planen und Zeichnen, damit am Ende auch wirklich alles zueinander passte. „Da steckt viel Arbeit und viel Schweiß drin“, erinnert sich Christian. Ein halbes Jahr ging für die Planung drauf und ein weiteres halbes Jahr für die Umsetzung. Für ihn hat es sich trotzdem gelohnt: Christian schätzt, dass er – ohne die Arbeitszeit zu berücksichtigen – etwas mehr als die Hälfte der Anschaffungskosten für eine Herstellerlösung eingespart hat.

So ist das automatische Einstreugerät aufgebaut

Maria WehrleFahrgestell Einstreugerät
Das Einstreugerät besteht hauptsächlich aus dem Fahrgestell, den Schienen und der Steuerung.
Maria WehrleFahrgestell von unten mit Kratzboden und Fräswalze
Steht man direkt darunter, sieht man einen Kratzboden und eine Fräswalze mit Dreiecksklingen, die das Stroh aus den Quaderballen reißen. Sie läuft mit 110 Umdrehungen pro Minute immer konstant schnell. Ein Auswurf sorgt dafür, dass das Stroh im Kopfbereich der Kuh landet.
Maria WehrleSteuerungselement Einstreugerät
Die Steuerungstechnik hat Christian zusammen mit seinem Bruder entwickelt, der auch Elektriker ist. Auf dem Touchscreen lassen sich unter anderem die Fahr- und Kratzbodengeschwindigkeit sowie der Kratzbodenvorschub einstellen. 50 bis 200 Millimeter pro Sekunde schafft das Fahrgestell; der Kratzboden vier bis 16 Millimeter pro Sekunde.
Maria WehrleAutomatisches Einstreusystem fährt durch den Stall
Dann braucht es natürlich noch die Schienen mit Kabelhalterung und Schleppleitung, an denen das etwa vier mal 1,7 mal 1,5 Meter große Gerät über 120 Meter an der Decke entlangschwebt. Über jeder Box befindet sich eine Schaltfahne, sodass das Fahrgerät erkennt, wo es Stroh abwerfen soll.
Maria WehrleAutomatisch einstreuen
Wenn er will, kann Christian sogar einen Kuherkenner aktivieren, sodass die belegten Boxen übersprungen werden. Hier war der Sensor allerdings ausgeschaltet.

70 Liegeboxen in 30 Minuten

Seit wenigen Monaten schwebt das Gerät nun in vier Metern Höhe ein- bis zweimal pro Woche durch den Stall und streut die 70 Liegeboxen ein. Dafür benötigt es ungefähr 30 Minuten. Etwa 200 Gramm Stroh pro Liegebox ist die untere Grenze, die sich über die Einstellungen erreichen lässt. Dabei ist natürlich auch die Strohqualität entscheidend. Trocken und maximal vier Zentimeter lang sollte es Christians Erfahrung nach sein. Das schafft seine Quaderballenpresse mit ihren 52 Messern im Schneidwerk eigentlich schon. Nur wenn es wie letztes Jahr in die Ernte regnet, kann es sein, dass die Ballen stellenweise zusammenkleben und beim Einstreuen größere Fetzen in den Boxen landen.

Maria WehrleStroh rieselt auf eine Kuh
Leise rieselt das Stroh: So sieht es aus, wenn die minimale Strohmenge eingestellt und die Strohqualität gut ist.
Maria WehrleEine Ladung Stroh landet auf einer Kuh
Und so sieht es aus, wenn man gleichzeitig die Einstreumenge erhöht und das Stroh zusammenklebt. Nein, der Kuherkenner ist gerade nicht aktiviert…

Drück den Startknopf

Auch deshalb möchte Christian der Technik noch nicht blind vertrauen. Jetzt im Winter ist immer jemand beim Einstreuen dabei – zur Kontrolle und wenn nötig zum Verteilen. Im Sommer werde sich das ändern, wenn draußen wieder mehr los ist, meint der Junglandwirt. Wichtig ist ihm aber, dass der Startknopf immer vor Ort gedrückt wird und nicht über einen Klick am Smartphone. Eine Frage der Sicherheit. Also los, drücken wir mal auf Start.

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Noch mehr Technik

Das leise Piepsen, das immer wieder zu hören ist, kommt übrigens nicht vom automatischen Einstreugerät, sondern vom Roboter, der das Futter nachschiebt. Neben dem AMS gibt es auf dem Betrieb noch ein Milchtaxi als weitere technische Hilfe. Auch der Füllstand des Silos wird direkt an das Smartphone übermittelt. Erst mal genug in Technik investiert. Trotzdem: Ein Tüftler wie Christian findet nicht so schnell Ruhe. Vielleicht lässt sich ja noch das Kalken in das automatische Einstreugerät integrieren oder ein Wasserschlauch, der Laufboden und Kühe im Sommer befeuchtet. Ideen gibt es jedenfalls genug und das erste Ergebnis zeigt: An technischem Know-how und präziser Umsetzung fehlt es auch nicht.

Die Kälber aus der Milchproduktion zieht Christian alle selbst auf. Und weil der neue Boxenlaufstall noch nicht voll belegt ist, darf Bullenkalb Asterix noch ein Weilchen bei den Damen bleiben. Mal sehen, was es auf dem Hof alles gibt, wenn der Kleine groß ist.

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Kommentare 1

  1. Eine sehr durchdachte und gute Lösung. Glückwunsch, Christian!

    Jutta

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