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Protein aus Gras

imago images/Steinach
Fachbeitrag
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Schweine, Hühner und Menschen können sich nicht von Gras ernähren. Oder doch? In Dänemark versucht das Unternehmen BioRefine genau das zu ändern.

Es duftet nach frisch gemähtem Gras. In der Mitte des großen asphaltierten Platzes lagert ein Haufen mit gehäckseltem Kleegras. Der Radlader, der Schaufel für Schaufel aufnimmt, brummt vor sich hin. Anstatt das Schnittgut in einem Silo einzulagern, kippt er das Erntegut in einen schräg aufgestellten Container, in dem eine große Walze das Material durchmischt und auflockert, bevor es auf einem Förderband nach oben fährt und erst einmal aus dem Sichtfeld verschwindet. Auf dem Gebäude dahinter hängt ein Schild, auf dem in großen Buchstaben „BioRefine“ zu lesen ist.

Maria WehrleBioRefine
Ein Radlader füttert die Bioraffinierie.

Das Unternehmen BioRefine befindet sich an der Westküste von Dänemark rund 70 km Luftlinie nördlich der deutschen Insel Sylt. Hier landet Gras anstatt auf dem Futtertisch von Kühen in einer Bioraffinerie. Denn was bislang den Mikroorganismen im Pansen vorbehalten war, wollen die Dänen auch Schweinen, Geflügel und sogar Menschen zugänglich machen: Protein aus Gras.

Alternative zu Soja

Wie das schmeckt? Einfach grasig. Aber das dunkelgrüne Pulver hat es in sich: 45 % Protein soll laut Geschäftsführer Vagn Hundebøll enthalten sein. Das Aminosäuremuster entspricht etwa dem von Soja mit ungefähr gleichem Anteil an Lysin, höherem Gehalt an Methionin, aber mit geringerem Gehalt an Cystein. Damit ist das Potenzial für den Einsatz in Schweine- und Geflügelfutter also hoch. Als zusätzliche Verkaufsargumente ziehen die regionale Produktion von Protein und damit die Unabhängigkeit von Soja aus Übersee, genauso wie Umweltaspekte: Grünland schützt im Gegensatz zu Getreide besser vor Nitratauswaschung und speichert mehr CO2. Ein weiterer netter Nebeneffekt: Das Eigelb von Hennen, die das „grüne Protein“ fressen, ist satt gelb bis orange.

Vagn Hundebøll

„Wir mussten viel herumprobieren. Viele der Maschinenteile wurden extra für die Anlage produziert.“

Vagn Hundebøll Geschäftsführer BioRefine

Wie entsteht das Proteinpulver?

Eigentlich ist der Prozess recht simpel: Stellen Sie sich eine Mischung aus einer Waschanlage und einer Saftpresse vor.

Maria WehrleFörderband BioRefine
Über ein Förderband gelangt das gehäckselte Gras auf ein breiteres Band, das unter vielen verschiedenen Walzen hindurchläuft. Sie quetschen, zerkleinern und drücken das Gras, sodass möglichst viel Saft austritt.
Maria WehrleProteinsaft aus Gras
Immer wieder wird Wasser dazugegeben, um noch mehr Protein auszuwaschen. Weil dieser Teil der Anlage offen ist, landet auch der ein oder andere Tropfen auf dem Boden.

Die grüne Flüssigkeit verschwindet über ein Rohrsystem in dem Gebäude; die ausgewrungene Faser, die an einen angetrockneten Kuhfladen erinnert, gelangt über ein weiteres Förderband in eine benachbarte Lagerhalle. Anschließend kommt der Reststoff in eine Biogasanlage. Zukünftig sollen daraus aber Isoliermaterial, Verpackungen oder Textilien werden.

Grüner Protein-Shake

Das wertvolle Hauptprodukt steckt aber im Saft. Dieser wird zunächst erhitzt, sodass das Eiweiß gerinnt. In diesem Zustand lässt es sich mit Hilfe eines Dekanters von der Flüssigkeit trennen. Der übrige Saft, der nun nicht mehr grün, sondern braun ist, düngt die Felder oder speist die Biogasanlage.

Maria WehrleBiorefine
Dann nur noch das Protein trocknen und in 500-kg-Big-Bags abfüllen.

3000 Hektar Vertragsanbau

Die Bioraffinerie ist seit 2021 in Betrieb und läuft während der Vegetationszeit von Mai bis Anfang November fast täglich. In dieser Zeit produziert sie 7000 t Protein, das von etwa 3000 ha Vertragsanbau aus der direkten Umgebung stammt. Es ist kein Zufall, dass sich die Bioraffinerie im Grünlandgebiet Dänemarks befindet, wo sandige Böden Ackerbau unrentabel machen. Obwohl alle Partnerbetriebe biologisch wirtschaften, ist die Produktion recht intensiv: Fünf bis sechs Schnitte sind das Ziel. Die Landwirtinnen und Landwirte säen und pflegen den Bestand, die Ernte übernimmt BioRefine. Hier muss alles schnell gehen, damit möglichst wenig Protein auf dem weg von der Wiese zum Pulver verloren geht.

Maria WehrleGehäckseltes Kleegras
So frisch ist das Hächselgut, wenn es bei der Raffinerie ankommt. Bei der Ernte muss alles schnell gehen, damit möglichst wenig Protein auf dem weg von der Wiese zum Pulver verloren geht.

Züchtung und Prozesse verbessern

Deshalb will BioRefine auch noch mehr in Züchtungsforschung investieren. Klee, Gras und Luzerne sollen möglichst viel Eiweiß enthalten, das sich möglichst einfach extrahieren lässt. Denn bislang bleiben noch rund 50 % des Proteins in den Restprodukten – der Faser und dem braunen Saft. Hundebøll sieht hier noch Luft nach oben. Gelingt das, könnte auch der Preis noch günstiger werden. Aktuell verkauft das Unternehmen ein kg Proteinpulver für 1,50 Euro. Die Partnerbetriebe werden nach dem Proteingehalt des Erntguts bezahlt.

Protein aus Gras als Nahrungsmittel

Beim Tierfutter soll es aber nicht bleiben. Hundebøll erklärt: „Es ist unsere erste Priorität, den Verbrauch von Bio-Futterprotein in Dänemark zu decken. Darüber hinaus konzentrieren wir uns stark auf die Entwicklung von grünem Protein, das auch als Zutat in Lebensmitteln verwendet werden kann.“ Bis dahin dürfte es aber noch ein Weilchen dauern. Zwar können Menschen auch das dunkelgrüne Pulver essen, aber für die Verarbeitung in Lebensmitteln muss ein neutraleres Produkt her – am besten farblos und ohne eigenen Geschmack. Zudem braucht es eine Zulassung von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Ehrgeizige Ziele kann man sich trotzdem setzen und das macht Hundebøll auch: „Wir wollen ein Viertel des Proteins für die menschliche Ernährung veredeln.“

Maria WehrleProteinpulver aus Gras
Serviervorschlag 😉 Der Geschmack des Proteinpulvers ist keine Überraschung: grasig.

BioRefine Denmarkt – das Unternehmen

BioRefine Denmark wurde von den drei dänischen Unternehmen DLG, DLF und Danish Agro gegründet. DLG und Danish Agro sind im Agrarhandel und Agribusiness tätig und als Genossenschaften organisiert. Zusammen haben sie etwa 37000 Landwirtinnen und Landwirte als Mitglieder. DLF hat seine Wurzeln in der Herstellung von Saatgut für Grünland und Gras.

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